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Stretching-Folgen

Stretching ist umstritten (1). Es können dabei Weichteilverletzungen auftreten, über die aufgeklärt werden muss, um sich nicht dem Vorwurf eines Behandlungsfehlers auszusetzen.

Fallbericht: Wegen Lumbago wurde ein sonst gesunder 46-jähriger Freizeit-Sportler physiotherapeutisch behandelt. Zur Korrektur einer statischen Dysbalance von Wirbelsäule und Becken wurde zunächst ein Stretching der Oberschenkelmuskulatur mit wiederholt für ca. 1 Minute passiver Hyperextension im Hüftgelenk und Beugung im Kniegelenk durchgeführt. Dabei traten während der passiven Muskeldehnung starke Schmerzen in der Oberschenkelmuskulatur auf, die nach Beendigung der Behandlung sistierten. Nach einem schmerzfreien Intervall von 2 Tagen entwickelten sich langsam zunehmende belastungsabhägige Schmerzen an der medialen Oberschenkelvorderseite, welche sich langsam nach distal medial zur tuberositas tibiae ausbreiteten. Kurz darauf stellte sich ein schmerzhaftes Ödem am Unterschenkel mit medialer Betonung ein. Sonographisch zeigten sich multiple gemischt echoarme und -reiche Formationen im m. sartorius (Abb. 1), MR-tomographisch ein intra- und subcutanes Lymphödem (Abb. 2). Internistische Ursachen, wie eine Beinvenenthrombose, eine abdominelle Abflusstauung oder ein Infekt lagen nicht vor. Das Stretching der nicht aufgewärmten Muskulatur (!) hatte zu muskulären Einblutungen und einem konsekutivem Lymphödem geführt. Nicht vollständig ausgeschlossen werden konnte eine zusätzliche traumatische Verletzung von Lymphgefässen. Muskuläres Stretching ist umstritten, es soll vor sportlicher Betätigung zur Verbesserung der allgemeinen Beweglichkeit sinnvoll sein (1). Es darf allerdings keinesfalls am nicht aufgewärmten Muskel erfolgen und nicht forciert durchgeführt werden, damit es nicht zu vermeidbaren Weichteilverletzungen kommt.

Conclusio: Es empfiehlt sich aus medicolegaler Sicht, gesicherte Indikationsstellungen zu beachten und Patienten über mögliche Verletzungen aufzuklären, da andernfalls ein grober Behandlungsfehler vorliegen könnte.

Abb. 1: Sonographie des m. sartorius mit multiplen gemischt echoarmen und -reichen intramuskulären Formationen, die Einblutungen mit perifokalem Ödem entsprechen (2)

Abb. 2: Lymphödem

Literatur:
(1) Gremion G Is stretching for sports performance still useful? Rev Med Suisse. 2005;1:1830-4
(2) Aspelin P et al. Ultrasound examination of soft tissue injury of the lower limb in athletes. Am J Sports Med. 1992;20:601-3